Texte

Leseprobe aus der Anthologie »Das Gedicht lebt!«‚
Anthologie ausgewählter zeitgenössischer Dichterinnen und Dichter des 3. Jahrtausends.
Ausgabe 2012
autorin

2012. 208 Seiten. Leinen
Euro 33,00 (D)
ISBN 978-3-8301-1565-6
R.G.Fischer Verlag

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Ich habe eine kleine Welt

Ich habe eine kleine Welt,
versteckt in meinem Herzen.
Ein Ort, wo niemals Regen fällt
und Freude kühlt die Schmerzen.

Hier blühen Wiesen ringsumher.
Hell, klar die Bäche fließen
und wenn ich einmal traurig bin,
dann geh ich ganz geschwind dorthin
um Ruhe zu genießen.

Mal wand’re ich durch kühlen Hain,
auf weichen Waldes Wegen,
dann wiederum im Sonnenschein
und spüre Gottes Segen.

Doch meistens liege ich im Gras
und träume vor mich hin,
dann macht mir’s Leben richtig Spaß.
Ich freu mich, dass ich bin.

Hier, in meiner kleinen Welt
spiel ich mit dem Wind.
Fühle, dass mich etwas hält.
Bin glücklich, wie ein Kind.

Einmal bleibe ich ganz hier:
Niemand wird mich finden.
Pflanze Rosen an’s Spalier
und dunkelblaue Winden.
Lebe glücklich in den Tag,
ohne Zank und ohne Streit.
Alle Sorgen, Müh und Plag
sind so weit … so weit.



Vorstellung

Stell’ Dir vor, Du dürftest die Welt regieren,
brauchtest nicht mehr auf allen Vieren
das tun, was andere von Dir wollen,
brauchtest keinen Tribut mehr zu zollen,
dürftest für Frieden sorgen in der Welt,
einen gerechten Frieden, der ewig hält.
Keinen Hunger gäb’s mehr, keine Sorgen,
jeder hätte alles und brauchte nichts borgen.
Du wärst der große Superstar.
Nichts wäre, wie es früher war.
Du hättest alle Hände voll zu tun,
könntest weder tags noch nächtens ruh’n.
Müsstest überall sein; hier und dort.
Gerechtigkeit sollte walten an jedem Ort.

Ich würde aufgeregt und her laufen,
mich vor Freude sinnlos besaufen.
Laut und falsch unanständige Lieder singen,
meine Umwelt zur Verzweiflung bringen.
Ganz viele schöne Dinge ausdenken,
mir alles, was ich wollte schenken.
Würde schier auf nichts verzichten,
meine Feinde zertreten und vernichten.

Doch dann würd ich still steh’n
und in mich geh’n,
und am Abend ganz leise
Gott bitten, doch auf seine Weise
die Dinge wieder selbst zu machen,
denn es wird nicht Gutes,
außer Er tut es.



Lob der Langsamkeit

Was es heißt den Zug versäumen,
Weiß ich schmerzlich und konkret,
Denn wie alle, die gern träumen,
Komm' ich überall zu spät.

Gleich am Anfang, kaum geboren,
Kam ich viel zu spät zur Welt.
Ob ich alles hier verloren,
Oder nicht, bleibt hingestellt.

Auf! Beginn' ein neues Leben,
Ruft mein Wecker jeden Tag,
Aber, ach, das ist es eben:
Dass ich nichts beginnen mag.

Sommers liege ich im Garten,
Höre, wie die Amsel singt.
Übe mich auf nichts zu warten,
Was mir mühelos gelingt.

Leg' ich mich zum letzten Schlummer,
Ohne Angst und ohne Pein,
Tu' ich' s langsam, ohne Kummer,
Warum denn der Erste sein?



Der letzte Herbst

Es ist Zeit, zu einem guten Schluss zu kommen.
Nordwinde toben herbstlich vor der Tür.
So sei ein letzter Schluck genommen,
gekeltert aus den Trauben am Spalier.

Des Lebens Mühen neigen sich dem Ende.
Das welke Laub fällt ab von jedem Baum.
Noch einmal falten sich die Hände
und bitten um den großen Traum.

Der Einsame wird lange einsam bleiben.
Der Kranke bettet sich zur letzten Ruh’.
Er sieht nie mehr die Frühlingsblumen treiben
und schließt die müden Augen zu.

Von meiner Stirne nehmt den Lorbeerkranz;
bevor er welkt, werde ich nicht mehr sein.
So endet nun des Lebens bunter Tanz
und jeder stirbt für sich allein.



Theorie

Es stand gar mächtig anzuschaun
auf diesem Platz, ein großer Baum,
und dieser Baum stand in dem Ruf,
dass Gott ihn damals selber schuf.
Man meinte: er bleibt ewig steh’n,
was immer kommen mag und geh’n.

Doch hat in einer dunklen Nacht
ein Sturm den Baum zu Fall gebracht.
Man sagte: wär er doch geblieben
und hat dann auf ein Schild geschrieben:
Es stand gar mächtig anzuschaun
auf diesem Platz ein großer Baum …



Sommer

Lauer Wind vom Süden weht
durch der Gärten bunte Räume,
und um jede Rose geht
süßer Duft geheimer Träume.

Sonne scheint durch die Gedanken;
Licht gibt Trost auf dunklen Wegen.
Träume kennen keine Schranken,
leuchten schon von fern entgegen.

Ziellos geht der Blick durch’s Grüne,
um doch nirgendwo zu weilen.
Zeit ist fern, nur die Gefühle
sind zu stark, um fortzueilen.

Man sitzt in kühlen Gartenlauben,
Träume spielen mit den Winden,
und erlauben uns zu glauben,
dass wir die Blaue Blume finden.



Der Hundefloh

Es wohnt vergnügt und lebensfroh
im Fell von einem Hund
ein kleiner schwarzer Hundefloh
und saugt sich dick und rund.

Der Hund ist groß, der Floh ist klein.
Des einen Freud, des andren Pein.

Der Hund, vom Kratzen voll Verdruss,
denkt sich in seiner Not:
was juckt mich nur so fürchterlich,
und quetscht das Tierchen tot.

Der Floh ist klein, der Hund ist groß,
nun ist der eine den andren los.

Er sieht ihn lange an und denkt
jetzt lang nicht mehr so roh,
wie doch das Schicksal alles lenkt,
gestorben wär er sowieso.

Der Hund ist groß, der Floh ist klein.
Des einen Freud, des andren Pein.



Der Brunnen

Es ist kein Traum, auch wenn es fast so scheint,
Versteckt in einem Hain von Phlox und roten Rosen,
Grün überwachsen von den schönsten weichen Moosen,
Hat er des Himmels klares Nass in seinem Schoß vereint.

Und unaufhörlich, wie von einer Zauberhand,
Rinnt klar und tropfenweise, Wasser, murmelnd, leise, leise,
Über den alten, weichen, dicht bewachs’nen Rand,
Und tropft und rinnt in immer gleicher stiller Weise.

Und unaufhaltsam füllt sich so des Brunnens Tiefe.
Der gibt das feuchte Nass, weil er sonst überliefe,
dem Schilfgras, weißem Phlox und roten Rosen.
Sie danken’ s ihm, indem sie schützend ihn liebkosen.

Wie schön ist doch dies plätschernd Leben spenden,
Das wie vom Himmel ausgedachte Nehmen und Versenden,
Es scheint wie ein unendlich schönes, sanftes Spiel.
Es rinnt und fließt, ohne zu enden und kennt kein Ziel.